James Graham, erster Marquis von Montrose (1612-1650)

 

Kurzbiographie

 

1.Herkunft, Kindheit und Jugend

James Graham wurde im Jahre 1612 - wahrscheinlich im Herbst und in der Stadt Montrose - geboren.

Sein Vater war John Graham, der vierte Earl of Montrose.

Die Familie Graham besitzt einen festen Platz in der kriegerischen Geschichte der Schotten. Ihre Ländereien erstrecken sich entlang der Highland Line, namentlich Mugdock, nördlich von Glasgow, Kincardine in Perthshire und Montrose an der Nordsee. Die Abstammung von Gramus, einem keltischen Krieger, der gegen die Römer kämpfte, ist wohl in das Reich der Legenden zu verweisen, aber Sir John de Graham kämpfte an der Seite von William Wallace. Der dritte Lord Graham wurde zum Earl ernannt. Er kämpfte und fiel mit James IV in der Schlacht von Flodden (1513). Großvater und Vater von James Graham waren Kanzler des Schottischen Königreiches. Die Treue zum herrschenden Hause Stuart lag den Grahams also im Blut, und anders als andere Familien fielen sie selten durch Fehden oder blutige Händel auf.

James wuchs als einziger Sohn unter sechs Kindern heran. Er besuchte eine Privatschule in Glasgow und studierte an der Universität St.Andrews, wobei er sich weniger auf akademischem Gebiet auszeichnete als vielmehr im Bogenschießen. Sein Leben war das des reichen Erben eines großen Namens. Zeitgenossen beobachteten aber bereits damals seinen Hang zum Heldenhaften. Große Gesten lagen dem jungen Mann offensichtlich. Er lebte im vollen Bewußtsein, künftig eine führende Position in den Angelegenheiten seines Landes einzunehmen.

Als 1626 sein Vater starb, wurde James zum fünften Earl. Unter der Anleitung mehrerer Vormünder setzte er seine Ausbildung fort. 1629 heiratete er Magdalen Carnegie, die Tochter seines Nachbarn, Lord Carnegie (später Earl of Southesk) und zog zunächst bei seinen Schwiegereltern ein.

 

2.Der Covenant

1633 verließ Montrose Schottland für drei Jahre um seine Studien auf dem Kontinent zu vertiefen. Auf dem Heimweg besuchte er den Hof König Charles' I, um diesem seine Dienste als Ratgeber und Chief eines großen Namens in Schottland anzudienen. Doch Charles lehnte sein Angebot ab, offensichtlich unter dem Einfluß seines Schottischen Ratgebers Hamilton. Als Montrose daraufhin nach Hause zurückkehrte war Schottland in großer Unruhe. König Charles I versuchte, den streng presbyterianischen Schotten seine Vorstellungen der Kirchenorganisation aufzuzwingen und Bischöfe sowie einen an den anglikanischen angelehnten Ritus zu installieren. Während er sich auf diese Weise das einfache Volk zum Gegner machte, verprellte er den Adel, indem er die diesem übertragenen Kirchengüter zurückforderte um seine Bischöfe zu versorgen.

1638 unterzeichneten die Schotten den National Covenant, eine Erklärung in der sie die Bischöfe ablehnten und sich zu ihrer Form des Protestantismus bekannten und gegenseitig Schutz und Hilfe versprachen. Dieser Kontrakt wurde, zumindest in den Lowlands, von fast jedermann unterschrieben. Unter den ersten Unterzeichnern des Original-Covenants, der heute in der St.Giles-Cathedral in Edinburgh zu sehen ist, findet sich auch Montrose, der sich an die Spitze der Bewegung gesetzt hatte. 

Montrose verdiente sich erste Sporen als General des Covenant im ersten Bischofskrieg, 1638/39. In der "Schlacht" von Brig of Dee bei Aberdeen besiegte er die örtlichen Royalisten. König Charles, inzwischen auch in England unter Druck musste klein beigeben. Er gewährte den Schotten Religionsfreiheit.

 

3.King Stuart oder King Campbell

In Schottland hatte sich allerdings inzwischen eine Junta, die "Tables" etabliert, der auch Montrose angehörte. Diese Tables gerieten immer stärker unte den Einfluß von Archibald Campbell, dem Earl of Argyll. Dieser bediente sich der Kirche, um seine persönliche Machtposition auszubauen. Dies konnte Montrose nicht zulassen. Als Argyll sich zum Diktator über Schottland nördlich des Forth und Clyde erklären lassen wollte, begann er Widerstand zu organisieren und wurde prompt zusammen mit einigen Freunden in Edinburgh Castle eingekerkert. Erst nach sechs Monaten wurde er durch das Eingreifen des Königs gerettet, der nach Schottland gekommen war, um sich Unterstützung gegen seine englischen Gegner zu verschaffen.

Nach seiner Freilassung war Montrose klar, auf welcher Seite er stand. Die Usurption der zentralen Macht, ohne die ein Staat seiner Meinung nach nicht bestehen konnte, durch Argyll mit Unterstützung der Kirche war für ihn nicht hinnehmbar. Fehlerhaft, beratungsresistent und unzuverlässig oder nicht, der König war immer noch der König. Montrose begab sich in das Lager des Königs und trug ihm an, Schottland für ihn zu erobern. Der König hatte inzwischen eingesehen, daß er sich auf James Graham verlassen konnte. Er ernannte ihn zum Marquis (wie übrigens vorher schon Argyll), erteilte ihm eine Kommission als Generalleutnant und schickte ihn nach Schottland -- ohne Soldaten oder Waffen.

 

4.General des Königs

In den schottischen Highlands schwelte seit Jahrhunderten der Machtkampf zwischen dem Clan Donald und den Campbells. Die MacDonalds hatten ihre Machtposition als Lords of the Isles im 15.Jahrhundert verloren. Die Vorherrschaft in den westlichen Highlands hatten daraufhin die Campbells erlangt, die ein unheimliches Talent besaßen, sich stets auf die Siegerseite zu schlagen. Mit "Commissions of Fire and Sword" der jeweiligen Könige ausgestattet, hatten sie sich weite Ländereien unbotmäßiger Clans angeeignet. Doch jetzt standen die Campbells unter ihrem Oberhaupt Argyll in Opposition zum König. Randall McDonnell, der Earl of Antrim, der sich als Erbe der Lords of the Isles begriff,  sah jetzt seine Stunde gekommen. Mit Zustimmung des Königs entsandte er eine Truppe von ca. 1.600 Mann, überwiegend katholischen MacDonalds aus Nordirland und Veteranen des Irischen Bürgerkriegs, nach Schottland um dort gegen die Feinde des Königs und natürlich insbesondere die Campbells zu kämpfen. Geführt wurde diese Truppe von Alasdair MacColla (englisch: Alexander MacDonald), einem Nachfahren der Lords of the Isles. Diese kleine Armee fand sich jedoch auf schottischem Boden ziemlich verloren, denn mit den katholischen Highlandern und Insulanern, die außerdem aufgrund der Auseinandersetzungen in Nordirland (ja genau, auch damals schon...) einen ziemlich schlechten Ruf hatten, wollte sich hier niemand zusammentun. Außerdem fehlte Alasdair die "offizielle" Autorität des Königs.

Montrose, der sich zwischenzeitlich in den Hügeln von Perthshire versteckt hielt, sah seine Chance. Dies war seine Armee! Er bestellte die Highlander, die sich auf dem Wege zum königstreuen Marquis of Huntly bis Badenoch durchgeschlagen hatten, nach Blair Atholl. Dort hisste er im August 1644 das königliche Banner.

Dem so zustandegekommenen Heer schlossen sich noch einige örtliche Highlander aus Atholl und kleinere Kontingente befreundeter Grahams und Drummonds an.

Das "annus mirabilis" des James Graham begann. Innerhalb eines Jahres besiegte Montrose jede Armee, die die Covenanter gegen ihn aufbringen konnten. Meist hoffnungslos unterlegen, fast immer ohne Kavallerie und stets einem fanatischen Gegner gegenüber, dessen widersinniger Schlachtruf "Jesus and no quarter" - Jesus und keine Gnade - lautete.

Am 15.August 1645 hatte James Graham Schottland erobert. Die führenden Covenanter waren nach England geflohen. Montrose berief ein Parlament nach Glasgow ein (in Edinburgh herrschte die Pest) und machte sich auf den Weg mit seiner Armee nach Süden, um im Rücken der Parlamentsarmee in England Druck auszuüben und sich möglichst mit dem König zu vereinigen. Doch seine Armee fiel auseinander. Die MacDonalds wollten ihre Beute in Sicherheit bringen und mit Alasdair den Krieg gegen die Campbells fortsetzen. Die Gordons, deren Chief, der Marquis of Huntly, einen persönlichen Groll gegen Montrose hegte, wurden nach Hause gerufen. Nur die Irische Brigade unter Manus O'Cahan blieb Montrose treu. Die dezimierte Armee wurde (manche sagen aufgrund von Verrat des Earl of Traquair) am frühen Morgen des 13.September 1645 bei Philliphaugh vor den Toren von Selkirk von den Truppen des Covenantergenerals David Leslie, der in Eilmärschen aus England herangekommen war, überrascht und vollständig vernichtet. Unter den Gefangenen Soldaten wurde ein Massaker angerichtet, das auch die der Armee folgenden Frauen einschloß. "Jesus and no quarter" eben.

Montrose konnte entkommen. Er versammelte eine neue Armee und zog gegen Inverness. Doch viel ausrichten konnte er nicht. Huntly ging ihm aus dem Weg und weigerte sich, Truppen zu stellen, die MacDonalds waren mit ihren eigenen Fehden beschäftigt und die Irische Brigade war in Philliphaugh untergegangen. Und während Montrose ohne großen Enthusiasmus Inverness belagerte wurden seine Gefolgsleute von den Covenantern hingerichtet.

Schließlich musste Montrose die größte Enttäuschung hinnehmen, die einem engagierten und loyalen Befehlshaber passieren kann: Der König lieferte sich den Covenanters aus und befahl Montrose, seine Waffen niederzulegen und auf den Kontinent ins Exil zu gehen.

 

5.Exil

Montrose entkam incognito nach Bergen. Von dort aus reiste er durch Norwegen, Dänemark und Deutschland nach Holland. Überall versuchte er, Unterstützung in Geld, Waffen und Söldnern aufzutreiben, um den Kampf wieder aufnehmen zu können. An Ehrungen und Anerkennung mangelte es ihm nicht. Frankreich ernannte ihn zum General, der Kaiser zum Marschall, doch alle wollten sich eher selber seiner Dienste versichern. Der glücklose Charles Stuart war ihnen herzlich egal. Der eigene, dreißigjährige Krieg war es, der kurz vor dem Ende stand und der die Herrschenden auf dem Kontinent beschäftigte.

Trotzdem bereiste Montrose die Fürstenhöfe Europas, um neue Truppen für den König anzuwerben. Besondere Unterstützung, zumindest moralischer Art, erhielt er dabei von der Schwester des Königs, Elisabeth Stuart, Königin von Böhmen, der "Winterkönigin" in ihrem holländischen Exil. Elisabeths Tochter Sophie, die Stammmutter der Hannoveraner auf dem englischen Thron, berichtet gar von Heiratsabsichten zwischen Montrose und ihrer Schwester Louise Hollandine. Der "Englische" Hof in Paris unter Königin Henrietta Maria selber hatte hingegen nur wenig Unterstützung für Montrose übrig. Man hielt es hier eher mit den "Engagers" des Duke of Hamilton, die einen vollkommen schwachsinnigen Versuch starteten, den König aus den Klauen der Englischen Armee zu befreien und als Gegenleistung dessen Zusage hatten, für eine Probezeit in England den Presbyterianismus zu installieren.

Erst als dieses Abenteuer gescheitert war und Charles I schließlich hingerichtet worden war, bekam Montrose eine neue Chance.

Charles II hörte seinen treuesten Anhänger gegen alle Widerstände der Covenanter an. Diese hatten ihn sofort nach der Hinrichtung seines Vaters zum König ausgerufen. Nun verhandelten sie mit ihm über eine Verständigung, die Schottland und England unter seiner Herrschaft zu einem presbyterianischen Reich machen sollte. Charles II sollte sich von den Missetaten seiner Eltern lossagen und ein Regime akzeptieren, das letztlich Argyll und der Kirche alle Macht, ihm nur den Titel ließ. Wie sein Vater war auch Charles II davon überzeugt, seine Gegner gegeneinander ausspielen zu können. Er ging auf das Angebot der Covenanter ein, in der Hoffnung, wenn er erst einmal gekrönt und im Lande sei, diese entmachten zu können. Um seine Verhandlungsposition zu stärken, schickte er gleichzeitig Montrose mit einer kleinen und schlecht ausgerüsteten Streitmacht nach Schottland.

 

6.Der letzte Feldzug

Montrose erreichte im Frühjahr 1650 die Orkneyinseln. Bei ihm war eine Truppe deutscher und skandinavischer Söldner. Die Hälfte seiner Waffen und Munition wurde ein Raub der stürmischen Nordsee. Auf den Orkneys warb er weitere Truppen an, dann setzte er nach Caithness über. Langsam zog er die Küste hinunter und wartete darauf, dass die Clans des Nordens, die MacKenzies, Munroes und Rosses sich ihm anschlossen. Doch niemand wollte sich offen erklären, alle warteten auf die Verhandlungslösung.  Montrose verschanzte sich auf den Hügeln von Carbisdale am Kyle of Sutherland. Dort überraschte ihn eine relativ kleine Reiterabteilung unter Colonel Strachan. Am 28. April lockte dieser die Armee der Royalisten aus ihrer sicheren Stellung und vernichtete sie völlig.

Montrose wurde von Freunden vom Schlachtfeld gezerrt. Drei Tage irrte er in Verkleidung durch das unwirtliche Hochland. Neil MacLeod of Assynt entdeckte ihn und nahm ihn in seiner Burg Ardvreck auf, um ihn umgehend an die Covenanter zu verraten.

Auf einem klapprigen Pony wurde James Graham "a traitor to his country" im Triumphzug nach Edinburgh geführt. Dort wurde er in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilt.

Das grausige Urteil wurde am 21.Mai 1650 am Mercat Cross von Edinburgh vollstreckt. Montrose wurde aufgehängt, anschließend abgenommen, geköpft, Arme und Beine wurden abgetrennt und sodann Kopf und Gliedmaßen in Edinburgh, Stirling, Aberdeen, Perth und Dundee öffentlich ausgestellt.

Charles unterzeichnete den Vetrag von Breda, kam nach Schottland, wurde von den Engländern vertrieben und verbrachte acht Jahre im Exil. Nach seiner Rückkehr sollte er Rache an Argyll nehmen, der hingerichtet wurde. Montrose, den er so schmählich im Stich gelassen hatte, bekam ein feierliches Staatsbegräbnis.

 

Grabmal für Montrose in St.Giles, Edinburgh

 

 

(c) H.C.Stempel, Wiedergabe nur mit Nennung der Quelle www.montrose-de.net


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